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Zu viel Licht: Woody Allen schätzt die Côte d’Azur - wenn nur manchmal die gleißende Sonne nicht wäre

KUNST & KULTUR

US-Regisseur Woody Allen (eigentlich Allen Stewart Königsberg oder Heywood Allen) würde nach eigenen Worten sehr gern bald wieder einen Film an der Côte d’Azur drehen. «Ich hätte wirklich große Lust dazu», versicherte er in Paris.

Woody Allen ©Denis Makarenko/Shutterstock.comMit Vergnügen erinnere er sich an seine letzten Dreharbeiten in Südfrankreich. 2014. Für die Komödie «Magic in the Moonlight» mit Colin Firth und Emma Stone. «Eine wunderbare Erfahrung», schwärmt er noch heute. «Insbesondere der Ort Mougins und die Szenen, die wir dort und im Umland aufgenommen haben, werden mir unvergesslich bleiben.»

«Magic» erzählt die Geschichte des gefeierten Magiers Stanley Crawford, der 1928 von einem Kollegen gebeten wird, an der französischen Riviera die verführerische Hochstaplerin Sophie zu entlarven, die ein Auge auf einen betuchten jungen Mann aus gutem Hause geworfen hat und sich mit der Behauptung interessant macht, Kontakt mit den Seelen von Verstorbenen aufnehmen zu können. Schließlich fällt Stanley selbst auf sie herein und verliebt sich.

Weibliche Filmkritiker im prüden Amerika empörten sich über den Altersunterschied in der Beziehung, weil Emma Stone 28 Jahre jünger ist als Firth. Trotz einhelligen Lobes für die beiden Hauptdarsteller war der Kinoerfolg nur mäßig. Auszeichnungen erhielt der Film keine. Lediglich die Deutsche Film- und Medienbewertung in Wiesbaden verlieh ihm das Prädikat «besonders wertvoll».

Vierfacher Oscar-Preisträger schwärmt für Cuisine niçoise

Altmeister Allen schwelgt gleichwohl noch heute in Erinnerungen: In Traumhäusern direkt am Meer hätten er und seine Crew «wunderbare Stunden» verbracht. Zugleich habe er «die Spezialitäten der cuisine niçoise» für sich entdeckt («Einfach köstlich!»).

Die Arbeit an «Magic» sei jedoch nicht immer ganz einfach gewesen. «Meist hatten wir zu viel Licht zum Drehen. Wir mussten dann fünf bis sechs Stunden auf den Abend warten, und dann blieben uns am Set nur noch maximal zweieinhalb Stunden für die Aufnahmen.»

Dies sei aber durchaus kein Grund, nicht bald wiederzukommen. «Noch aber fehlt mir hierzu die passende Geschichte.» Auch in Paris, wo sich Allen («Midnight in Paris») öfter aufhält, würde er gern wieder tätig. «Diese Stadt inspiriert mich einfach immer wieder.»

Überhaupt sei er viel in Europa. Letzthin drei Monate auf einer Jazz-Tournee mit Stationen in München, Amsterdam, Mailand, Barcelona, Madrid und Brüssel – für den Klarinettisten «die reine Freude».

Um allerdings «ganz ehrlich» zu sein: Die eigentliche Triebfeder für seine häufigen ausgedehnten Europa-Aufenthalte sei eine andere: «Meine Frau Soon-Yi», mit der der Regen-verliebte Allen seit 1997 verheiratet ist, «kann die New Yorker Sommer nicht ausstehen – zu heiß, zu feucht.» Und daher wolle sie immer wieder weg, am liebsten ins wohl temperierte Europa, nach Paris, Rom oder – wie zuletzt – nach San Sebastian, wo Allen im vergangenen Herbst für die spanische Produktionsgesellschaft Media Pro die Dreharbeiten an seinem neuen Film «Rifkin’s Festival» abschloss. In den tragenden Rollen der romantischen Komödie sind neben dem österreichischen Oscar-Preisträger Christoph Waltz («Inglourious Basterds») Gina Gershon, Elena Anaya und Louis Garrel zu sehen. Inhalt ist die sonderbare Geschichte eines amerikanischen Paares, das zum Filmfestival am Golf von Biskaya fährt.

In Paris jedoch warb der pessimistische Komödiant, für den er sich selbst hält, jüngst jedoch nicht etwa für «Rifkin», sondern für das hintersinnige Filmlustspiel «Ein Regentag in New York». Der Film über eine Wochenendliebe in Manhattan mit Thimothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez und Jude Law ist zwar schon seit 2017 abgedreht, aber immer noch nicht in den Kinos. Ursache: Die amerikanische Produktionsfirma Amazon Studios weigert sich plötzlich vor dem Hintergrund der #MeToo-Welle, der Affären Weinstein und Epstein sowie Allens eigener Anklage wegen sexuellen Missbrauchs seiner Adoptivtochter Dylan Farrow, den fertigen Film in den USA zu vertreiben. Ein «Kollateralschaden», von dem Allen also auch persönlich-privat betroffen ist.

Im Februar 2019 hatte der berühmte Cineast den Streaming-Dienst von Amazon, für den er insgesamt vier Filme machen sollte, bei einem New Yorker Gericht wegen Vertragsbruchs auf 68 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. Allen argwöhnte, hinter der demonstrativen Verzögerung stecke keine moralische Erwägung, sondern eher ein finanzielles Problem. «Die haltlosen Anschuldigungen» gegen ihn, auf die sich die Amazon Studios beriefen, seien bekanntlich schon seit 25 Jahren in der Welt. In Paris drückte Allen seine Hoffnung auf einen außergerichtlichen Vergleich aus, mit dem beide Seiten leben könnten (Anm.d.Red.: Inzwischen haben sich die beiden Streitparteien tatsächlich geeinigt, ohne Detaiuls zu nennen).

Seine Großeltern sprachen noch Deutsch und Jiddisch

Unterdessen hat der 83-jähriger New Yorker Cineast, dessen aus Russland und Österreich-Ungarn immigrierteWoody Allen während der Filmfestspiele 2016 in Cannes, mit den Schauspielerinnen Blake Lively (l.) und Kristen Stewart ©Feautureflash Photo Agency / Shutterstock.com Côte d’Azur Regisseur Großeltern noch Deutsch und Jiddisch sprachen, 52 Filme realisiert, und man könnte meinen, er liebäugle vielleicht mit dem Ruhestand. Doch weit gefehlt! In Paris zeigte sich Allen in Topform und wollte von Rente nichts hören. «Wenn ich nicht gerade krank oder invalid werde – und das ist ja bekanntlich keine Frage des Alters – mache ich weiter. Vorausgesetzt natürlich auch, dass ich meine Energie behalte, die Leidenschaft für die Zusammenarbeit mit den Schauspielern nicht verliere und immer wieder Geldgeber für meine Projekte finde.»

Im Mai 2002 hatte das Genie der Siebten Kunst, als das Allen von vielen angesehen wird, mit «Hollywood Ending» und 2011 mit «Midnight in Paris» die Internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet, 2016 mit «Café Society». Seit «Manhattan» (1979) war «Café Society» der 14. Film, den der Regisseur außerhalb des Wettbewerbs zeigen ließ. Er handelt von einem jungen Mann (dargestellt von Jesse Eisenberg), der während der 1930er-Jahre nach Hollywood geht, um dort sein Glück beim Film zu versuchen.

Im Frühjahr 2016 hat Allen außerdem für Amazon Video die sechsteilige Serie «Crisis in Six Scenes» gedreht. Sein 46. Film «Wonder Wheel» mit Justin Timberlake und Kate Winslet in den Hauptrollen feierte 2017 in New York Weltpremiere und kam im Januar 2018 in die deutschen Kinos.

Derweil geht das Kesseltreiben gegen den in Brooklyn geborenen Sohn jüdischer Eltern weiter: Der Journalist Ronan Farrow, der Harvey Weinstein entlarvte, hat ein Buch über Außenpolitik geschrieben und spricht in einem diesbezüglichen Interview über einen weiteren Mann, der des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird: seinen Vater Woody Allen.

Im Zuge von #MeToo & Co. sind inzwischen mehrere Filmstars auf Distanz zu dem vierfachen Oscar-Preisträger gegangen. Colin Firth, Timothée Chalamet, Mira Sorvino, Greta Gerwig, Ellen Page und andere erklärten, dass sie nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollen. Und Allen zeigt hierfür sogar Verständnis: «Sie haben angesichts des sozialen Drucks einfach Angst um ihre Karriere. Nehmen wir Chalamet: Er ist jung, war bereits für Oscars nominiert und möchte nun nach eigenem Bekenntnis nicht aus dem Wettbewerb fliegen.»

Was den sozialen Druck angeht – den gebe es immer, sagte Allen im Bristol vor Journalisten. «Und es ist die freie Entscheidung der Leute, ob sie ihn an sich ranlassen oder abprallen lassen wollen.»

Auch Sex-Skandale habe es übrigens immer schon gegeben in der Sozialgeschichte der Menschheit. «Und die Zeitungen weiden sich an jedem neuen.» Seine eigene Affäre habe durchaus etwas von einer mittelalterlichen Hexenjagd, «nur nicht ganz so heftig».

Woody Allens Adoptivtochter Dylan Farrow hatte 2018 angesichts von Time's Up und #MeToo erneut Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur vorgebracht. Sie sei als Siebenjährige im Elternhaus missbraucht worden. Allen hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

 

Rolf Liffers
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Quellen u.a. Le Figaro, Nice matin, Wikipedia, Le Parisien sowie das Branchenmagazin Variety