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Schurke und Grandseigneur

Den Bierbudenbesitzer auf Sankt-Pauli stellt er mit der gleichen Liebe zum Detail dar wie die vielen Schurken und Patriarchen, die er spielte. Mario Adorf gilt seit Jahren als Deutschlands beliebtester Schauspieler. Es gibt kaum einen Preis, den er nicht gewonnen hat. Auch im Ausland verzeichnete der Charakterdarsteller, der vier Sprachen fließend spricht, große Erfolge und arbeitete mit namhaften Regisseuren. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass sendet die ARD am Donnerstag, 10. September um 20.15 Uhr den neuen Adorf-Zweiteiler "Der letzte Patriarch". RCZ-Chefredakteurin Petra Hall und Redakteurin Silke Seehars trafen Mario Adorf zu einem Exklusiv-Interview in Saint-Tropez. image Description

Ich mag es, wenn ich in einer Rolle meine Ideen einbringen kann», beginnt Mario Adorf unser Gespräch an einem heißen Augustmorgen in einer schattigen Oase bei Saint-Tropez.

Eingebracht hat er sich auch in dem neuen ARD-Zweiteiler «Der letzte Patriarch». Hier spielt Adorf den norddeutschen Marzipanfabrikanten Hansen. «Sie wollten mich als Firmenchef einen Porsche fahren lassen, aber das ist nicht Hamburg. Das passt vielleicht in Münchens Schickimicki-Szene, doch für einen hanseatischen Unternehmer ist ein Jaguar viel authentischer. Und ich bekam einen Jaguar», freut sich der deutsche Schauspieler mit italienischen Wurzeln noch im Nachhinein. Ein Mario Adorf verbiegt sich nicht.

Deshalb möchte er zu seinem 80. Geburtstag auch keine große Fernseh-Gala, auf der er sich «im goldenen Sessel» feiern lässt, sondern begeht den heutigen Tag lieber im kleinen Kreis mit Freunden in Saint-Tropez.

Das Fernsehen würdigt den charismatischen Künstler auf andere Weise. Für den neuen Film wurde Mario Adorf die Figur des Patriarchen Konrad Hansen auf den Leib geschneidert. Seit mehr als einem halben Jahrhundert tritt Adorf nun schon auf der Bühne, im Fernsehen und im Kino auf und gehört zu den profiliertesten deutschen Schauspielern.

Wie kann er sich bei dieser Vielzahl mit den Personen identifizieren? «Ich identifiziere mich nicht mit der Figur, fühle mich nicht stundenlang vorher in sie hinein. Mir ist es wichtig, das Handwerk des Schauspielers zu beherrschen, eine Person möglichst glaubhaft darzustellen und innerhalb weniger Momente in eine andere Rolle zu schlüpfen», so Adorf. «Das ist für mich auch der Unterschied zwischen Handwerk und Kunst. Handwerk wird zur Kunst, wenn es außergewöhnlich gut ist und der Schauspieler etwas Besonderes daraus macht. Die Gefahr hingegen lauert in der Routine.»

Mit diesem Phänomen musste der Schauspieler sich auch auseinandersetzen, als er 1964 nach Hollywood ging. «Wenn dort jemand für eine Rolle engagiert wurde, war er darauf festgelegt. So spielte ich zuerst einen Mexikaner und bekam später immer nur Rollen als Mexikaner angeboten. Man kommt dann in eine Schablone, was ich absolut nicht wollte. Doch mein damaliger Agent meinte, wenn man Erfolg, Geld und Ruhm habe, sei das genug. Wie – das sei wurscht. Dagegen kämpften auch nachfolgende Schauspieler wie Jack Nicholson, Dustin Hoffman oder Robert de Niro, die dieses Prinzip hinterfragten.»

In den 60er-Jahren lockten interessante Angebote Mario Adorf nach Italien. Hier arbeitete er mit Regisseuren wie Luigi Comencini, Florestano Vancini und Luigi Zampa. Auch wenn die ersten Filme nicht die erfolgreichsten waren, blieb Adorf. «Jetzt will ich es wissen, sagte ich mir damals. Es machte mir auch nichts aus, wieder mit kleinen Rollen anzufangen», so der Schauspieler.

In den Süden zog es Mario schon früher. Als unehelicher Sohn der deutschen Röntgenassistentin Alice Adorf und des kalabresischen Chirurgen Matteo Menniti wuchs er in Mayen in der Eifel auf. Bereits als Student fuhr er in den Semesterferien regelmäßig nach Italien.

«Es war auch eine Vatersuche, eine Suche nach den Wurzeln – wo ist bei mir der Italiener? Ich dachte, ich könnte mich dort sehr schnell und gut integrieren. Doch im Laufe der Jahre merkte ich, meine ganze Liebe, meine Sehnsucht nach Italien, nach der Sonne, der Lebensart und Kunst waren nicht italienische, sondern sehr deutsche Züge. Je länger ich dort unten lebte, umso mehr merkte ich, dass ich ein Deutscher und kein Italiener bin. Das war eine wichtige Erfahrung.»

Seinen Vater hat er nur einmal gesehen. «Das hatte eine Schwester meiner Mutter eingefädelt. Als sie hörte, dass ich am Bau schwer arbeitete, meinte sie: ‘Es wäre nun richtig, dass du deinen Vater triffst und ihn bittest, dir bei dem Studium unter die Arme zu greifen.’ Die Tante war es auch, die den Brief aufsetzte. Ich sprach damals noch kein Italienisch, so wurde unser Treffen eine sehr wortlose Angelegenheit. Meinen Vater sollte ich nie wiedersehen. Er ist früh gestorben. Das bedaure ich sehr, denn später, als ich Italienisch sprach, hätte ich gerne noch einmal eine Begegnung gesucht.»

Mit der Mutter hingegen, die sich und den kleinen Mario unter vielen Entbehrungen durch die Kriegsjahre brachte, verband Mario Adorf eine besondere Beziehung. Ihr hat er 2005 mit seinem Buch «Mit einer Nadel bloß» ein Denkmal gesetzt. «Meine Mutter wurde in Zürich geboren. Sie war zehn Jahre alt, als ihre Mutter starb», erzählt Adorf
mit warmer, sanfter Stimme.

Sein Großvater, allein mit drei Kindern, gab die kleine Alice zu Verwandten nach Mayen, wenige Jahre später starb auch er. «Hier durfte sie nur arbeiten und in die Kirche gehen. Sie war sehr unglücklich und floh schließlich mit sechzehn in die Schweiz. Dort konnte sie, jung und ungebildet, nur als Dienst- oder Kindermädchen arbeiten.»

Die ältere Schwester von Alice Adorf zog es nach Italien: Sie ging nach Neapel, befreundete sich mit einem italienischen Professor und war sehr etabliert. Mario Adorf: «Meine Mutter folgte ihr und arbeitete dort als Sprechstundenhilfe. Später zog sie nach Berlin, um eine Lehre als Röntgenassistentin bei Agfa zu machen.»
Für die Firma ging Alice in den 20er-Jahren zurück nach Neapel und richtete Röntgenapparate in Arztpraxen ein. Und wie das Schicksal so spielt, reiste sie eines Tages nach Kalabrien, was damals mit dem Zug noch acht Stunden dauerte.

«Meine Mutter lernte dort einen 33-jährigen Arzt kennen und blieb einige Wochen, um auch hier ein Röntgengerät einzurichten. Der Doktor eroberte ihr Herz, endlich fühlte sie sich geliebt und geschätzt. Denn ganz nebenbei brachte sie auch den recht schlampigen Klinikablauf auf Vordermann.» Jung und unerfahren wie sie war, wurde Alice eines Tages schwanger. Das Problem: Der Arzt war verheiratet und hatte drei Töchter. «Bleib du doch
hier in der Klinik, und das Baby lassen wir von einer Ziehmutter aufziehen,’ sagte der Arzt, mein Vater, zu ihr. ‘Wir können es dann jeden Sonntag besuchen.’ Doch das lehnte meine Mutter entschieden ab. Sie wollte ihr Kind behalten und es auch nicht verstecken», erzählt der Schauspieler mit den südländischen Gesichtszügen.

Im neunten Monat schwanger, reiste Alice Adorf daraufhin bei Nacht und Nebel zu ihrer Schwester nach Neapel. Doch diese wies sie an der Tür mit den Worten ab: «Das darf der Professor nicht sehen, du musst weg.» Adorf fährt fort: «Meine Mutter machte auf dem Absatz kehrt und begab sich auf die weite Reise nach Zürich, wo sie eine Freundin hatte. Deshalb kam ich dort auf die Welt.»

Drei Monate später wurde sie als Deutsche aus der Schweiz ausgewiesen, da sie keiner geregelten Arbeit nachging.
«Und sie musste mit mir, ihrem drei Monate alten, unehelichen Sohn, dorthin zurück, von wo sie mit sechzehn Jahren weggelaufen war.»

Inzwischen hatte sie aufgrund des damals fehlenden Strahlenschutzes starke Verbrennungen an den Beinen und konnte ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben. Sie sattelte um zur Schneiderin und machte ihre Meisterprüfung.
Nachdenklich fährt Mario Adorf fort: «Meine Mutter war merkwürdig radikal. Vater schickte ihr Geld für die Geburt. Doch sie hat sich nie bei ihm bedankt, brach jede Verbindung ab. Um uns beide durchzubringen, arbeitete sie und gab mich in ein Waisenhaus. Aber von ihrer Wohnung auf der anderen Straßenseite konnte sie in den Hof schauen und mich sehen.»

Am Sonntag jedoch putzte sie ihren Mario und sich fein heraus – für den Café-Besuch im kleinbürgerlichen Mayen.
«Jahre später, als ich an den Münchner Kammerspielen meinen ersten Vertrag bekam, sagte ich zu ihr: ‘Jetzt kann ich dich ernähren’ und holte sie zu mir nach München. Obwohl es ihr gesundheitlich nicht gut ging, wurde sie 92 Jahre alt.»

Sein Blick schweift über die mediterrane Vegetation von Saint-Tropez. Hier hat er sein zweites Glück gefunden. Aus der Ehe mit Lis Verhoeven hat Mario Adorf eine Tochter, Stella Maria. 1985 heiratete er ein weiteres Mal: die tropezianische Arzttochter Monique Faye. Schwärmerisch erinnert sich Mario Adorf an ihre erste Begegnung: «Wir lernten uns in Spanien kennen, wo Monique ihre Freundin Brigitte Bardot zu Filmaufnahmen begleitete. Brigitte hatte meine Frau aufgenommen, die sich damals gerade mit ihren Eltern entzweit hatte.»

Nur wenig später trafen sie sich in Rom wieder. Ein Zufall? «Nein, es war wieder die Bardot. Sie drängte Monique: ‘Ruf doch mal den Mario an, da war doch was ...’ Monique zögerte: ‘Der ist doch nicht da.’ Doch die BB insistierte. Und ich kam genau an dem Tag, als Monique mich anrief, von Dreharbeiten aus Russland zurück. C'est la vie, und so ist es dann weitergegangen.»

Mehr als 40 Jahre lebte der Schauspieler in Rom, doch vor einigen Jahren zog er fort. «Es gab keine Filmindustrie mehr, die es wert gewesen wäre, dort zu bleiben», beschreibt er diplomatisch die Veränderung der inzwischen von Berlusconi beherrschten italienischen Medienlandschaft.

Heute lebt der Kosmopolit mit seiner Frau Monique in Paris, München und Saint-Tropez. Dort genießen sie vor allem das Zusammensein mit Freunden und gehen gerne an den nahegelegenen Naturstrand. Der vielseitige Künstler schreibt auch Bücher und hat sich viele Jahre für seh- und hörgeschädigte Menschen stark gemacht. Im Kunstmann Verlag ist nun in seiner eigenen Reihe nach «Da geht ein Mensch» von Alexander Granach sein neuestes Hörbuch «Schöntrauer» von Bohumil Hrabal erschienen. «Es sind Bücher, die ich sehr mag und die es verdienen, dass man etwas daraus macht», so Adorf.

Auch auf den nächsten Film muss das Publikum nicht lange warten. Im Oktober steht er wieder vor der Kamera, diesmal auf einem Kreuzfahrtschiff. Gemeinsam mit Christiane Hörbiger und Veronica Ferres spielt er in der Verfilmung des Romans von Pavel Kohut «Die lange Welle hinter dem Kiel». Sich zur Ruhe setzen? Daran denkt der charmante Grandseigneur des deutschen Films noch lange nicht: «Für mich ist es eine Gnade, aktiv zu sein und arbeiten zu können.»