Haupt-Reiter

Albert I. – der Fürst, der keine Grenzen kannte

Er war ein Fürst, dessen Reich die ganze Welt umfasste. Nicht nur, weil er, seinem Beinamen «Albert der Seefahrer» getreu, mit den modernsten Forschungs-Schiffen seiner Zeit auf allen Weltmeeren fuhr, vom Nord- bis zum Südpol, von Südafrika bis zum Pazifik. Sondern auch, weil er mit seinem Kapitäns-Geschick Kaiser, Könige und Staatspräsidenten auf seinen Kurs zu navigieren verstand. Das Fürstentum erlebte unter ihm, an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert, seine erste Glanzzeit.
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Als Alice, die Nichte des deutschen Dichters Heinrich Heine, den Fürsten Albert I. heiratete, kam erstmals der Glanz der großen weiten Welt ins Fürstentum. Gewiss, die Grimaldi-Frauen früherer Generationen entstammten oft adeligen Familien, doch gehörten sie meist dem großen Landadel an. Lifestyle prägend hatten sie sich nie ausgewirkt.

Alice jedoch hatte in erster Ehe einen Richelieu geehelicht – und die Richelieus waren großer Hofadel. Hatten sie doch als Königsberater, zumal mit einem politisch genialen Kardinal an der Spitze, das Frankreich, «in dem die Sonne nicht unterging», mitgeschaffen.

War der Richelieu-Clan hoch aristokratisch, so war die Heine-Familie hoch «global». Das Stammhaus der im Welthandel tätigen Heines stand in Hamburg, und während der dichtende Heinrich als aus der Art geschlagene Poet in Paris reimte, machte ein Michael Heine (Alicens Vater) in der Hafenstadt New Orleans auf dem amerikanischen Kontinent Millionengewinne im Asien-Handel. Dort war auch Alice geboren (ihr Geburtshaus, das Heine-Stadtpalais, steht dort heute noch als Sehenswürdigkeit im «French Quarter»).

Fürstin Alice, kunstsinnig und kontaktstark, zog die «Haute Volée» der europäischen Kulturszene nach Monaco, so auch das legendäre «Ballet Russe» unter Serge Diaghilew, dessen Jubiläum Monaco ja auch zurzeit feiert. Unter Alicens Ägide wandelte sich die Casino-Salonkapelle zum veritablen Sinfonie-Orchester. Im Opernhaus hinterm Casino konnten so sogar die ersten Aufführungen außerhalb Deutschlands von Richard-Wagner-Opern zelebriert werden. Und liebevoll taufte Gemahl Albert zwei Forschungsschiffe, die er für seine Expeditionen bauen ließ, auf «Princesse Alice I und II». Sie waren mit modernsten wissenschaftlichen Arsenalen und Laboren ausgestattet, wie sie sich dazumal kaum eine Uni leisten konnte. Seine Tauchgeräte drangen in die bis dahin unerforschten Tiefen von 6000 Metern hinab. Seine Ausbeute an unbekannten Tiefsee-Lebewesen war Weltsensation.

Alberts wichtigster Berater war dabei der Zoologe Ernst Haeckel, Professor an der Universität Jena, ein Freund Darwins. Auch er war ein Weltreisender in Meeresbiologie. Forschte von Finnland bis Cypern, in Asien und den Tropen. Und erfand 1866 das Wort «Ökologie» (in seinem Werk «Generelle Morphologie der Organismen»), das Fürst Albert I. in seine Betrachtungsweise übernahm – und somit zum Erbgut von Fürst Albert II. gehört.
Fürst Albert I. navigierte indes auch an Land – in der internationalen Diplomatie – nach eigenem Kompass und ohne Rücksicht auf Hoheits-Grenzen.

Beispiel: Die «Dreyfus-Affäre». Dreyfus, Oberst im französischen Generalstab, war der Spionage für Deutschland angeklagt. Beweise gab es nicht – aber Dreyfus war Jude. Die Wellen der Empörung schlugen hoch, für und gegen den Oberst. Da greift Albert I. als Wellenreiter ein. Mit Deutschlands Kaiser Wilhelm II. verbindet ihn eine robuste Kapitänsfreundschaft. Von Mann zu Mann fragt er den Kaiser: «Unter vier Augen, Wilhelm, ist Dreyfus dein Agent, Ja oder Nein?»

Und der Kaiser: «Nein.»

Mit diesem Kaiserwort geht er zu Frankreichs Staatspräsident Felix Faure: «Der Kaiser verbürgt sich, Dreyfus ist kein Spion. Angebliche Beweise gegen ihn sind gefälscht.»

Faure stirbt wenige Stunden später an Herzinfarkt, aber Dreyfus kommt frei.

Seit 1871 liegt Krieg in Europa in der Luft. Albert fürchtet: Ein Krieg stoppt die Geldströme zum Casino Monte-Carlo, die das Fürstentum reich machen und damit seine Expeditionen finanzieren. Aber: sitzen nicht Nacht für Nacht die Mächtigen der Welt an den Spieltischen des Casinos Monte-Carlo, dem einzigen in Europa? Weilen nicht ständig Dutzende gekrönter Häupter in und um Monaco – der Zar und seine Großfürsten, die Kaiser Deutschlands und Österreichs, Generäle, Minister und Marschälle?

So wird Albert zum Erfinder der «Gipfeltreffen»: Er schart sie alle um sich zum ersten «Internationalen Friedens-Kongress» 1903. Heute sieht man das Event als Grundstein von «Völkerbund» und UNO. Und Freund Haeckel nimmt das Signal seines «Kapitäns» auf, gründet den «Verband für Internationale Verständigung», in Berlin, und in Paris zusammen mit der Sozialistin Henriette Mayer das «Französisch-Deutsche Versöhnungs-Institut» («Institut Franco-Allemand de Réconciliation»). Vergebene Friedensmüh: Der Fürst steht bei der «Kieler Woche» neben Freund Wilhelm auf der Kaiseryacht, als ein Offizier die Meldung vom Attentat auf Österreichs Thronfolger überbringt, das den Ersten Weltkrieg auslöst.

Noch einmal wird Albert bei einem französischen Staatspräsidenten vorstellig. 1917, diesmal in eigener Sache.
Aus erster Ehe mit einer Prinzessin aus dem Badischen Königshaus hat er einen Sohn. Prinz Louis, in Stuttgart geboren, dem Vater entfremdet, ging in die Französische Fremdenlegion. In Algerien zeugte er eine uneheliche Tochter, Charlotte. Nun kämpft er für Frankreich an der deutschen Front.

«Fällt Louis ohne legitimen Erben, geht die Erbfolge an einen Grafen aus dem Hause Baden», trägt er Präsident Clemenceau vor. «Damit wird Monaco ein deutsches Fürstentum, ein Stachel im Bauch Frankreichs. Das können Sie doch nicht wollen!» Natürlich nicht.

Albert erzielt einen Vertrag, wonach die Grimaldis beim Fehlen eines legitimen Nachfolgers «adoptieren können, wen das Haus Grimaldi für würdig befindet». Albert adoptiert die uneheliche Charlotte. Ihr Sohn wird Rainier III. heißen, der nach dem Zweiten Weltkrieg der Nachfolger seines Großvaters Fürst Louis wird.

Durch Fürst Rainiers Heirat mit Grace Kelly kam eine Amerikanerin nach Monaco. Und durch sie doch noch einmal deutsches Blut in die Grimaldi Linie: Fürstin Grazias Großmutter stammte aus Heppenheim.

Also: Um den Erhalt der Thronfolge braucht sich kein Grimaldi (und kein Monegasse) Sorgen zu machen – Fürst Albert I. sei Dank.

Albert I., geboren 1848, starb 1922. Das von ihm 1910 eingeweihte «Ozeanografische Museum» ist sein Denkmal.

Rolf Palm