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Multikulti ist Normalität

Das wär ja noch schöner, wenn sich Staatsgrenzen künftig mit sprachlichen Abgrenzungen übereinstimmen müssten, spielt Klaus Harpprecht auf Putins Krim-Politik an. «Wer’s versucht, stürzt unseren Kontinent ins Chaos.» Denn hier sei eine solche Kongruenz nur selten. Zum Glück aber gibt es eine Europäische Charta zum Schutz der Minderheitssprachen. Auch das Provenzalische soll gerettet werden. – Autor Klaus Harpprecht, seinerzeit Redenschreiber von Willy Brandt, lebt seit 1982 in La Croix-Valmer im Var.
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Das Recht auf Selbstbestimmung hat so mancher Expansion den Anstrich der Legalität verschafft, und es ist auch künftig dem Missbrauch nicht entzogen.Daran ist leider nichts neu. Das hatten wir schon. Das erlebten und erlitten die Alten in unserer Gesellschaft, freilich in einer (bis jetzt) unvergleichlich brutaleren, gefährlicheren Steigerung.

Es fehlt nur der bös schillernde Begriff des «Volkstums» und danach folgerichtig des «Volkstumskampfes». Beides musste herhalten, um die Eingliederung des Sudentenlandes ins einstige Großdeutsche Reich zu erzwingen (die mit den Unterschriften des britischen Premierministers Chamberlain, seines französischen Kollegen Daladier, des italienischen Duce und des Führers unter dem Münchener Abkommen legitimiert wurde). Volkstums-Konflikte sollten im Sommer 1939 als Vorwand für den Einfall in Polen dienen.

Rechte für Minoritäten
Wenn es Wladimir Putin ernst damit sein sollte, das russische Imperium (nicht das sowjetische) wieder auferstehen zu lassen, dann haben wir, haben vor allem unsere Nachbarn im Osten allen Anlass, auf der Hut zu sein. Dann wären die Europäische Union (deren Machtmittel begrenzt sind), dann wären die Vereinigten Staaten verpflichtet, dem Muskelmann im Kreml zu zeigen, dass es auch für ihn Grenzen gibt, die er nicht ohne böse Risiken verletzen oder revidieren kann.

Die baltischen Staaten, die zum Teil beträchtliche russische Minderheiten beherbergen, stehen unter dem Schutz der Nato. Allerdings wären sie gut beraten, den Minoritäten alle Rechte zu gewähren, auf die sie Anspruch haben – bis hin zur Anerkennung des Russischen als zweite Amtssprache. Sie sollten sich als gleichberechtigte Bürger Litauens, Estlands, Lettlands so frei und so gut fühlen, dass sie selber die ersten sein würden, die den Lockungen Moskaus, allen denkbaren Pressionen und jeder Drohung von Gewalt widerstehen.

Die wenigsten Staatsgrenzen stimmen mit den ethnischen, den sprachlichen Abgrenzungen überein. Es gibt Ländereien mit den erstaunlichsten Mischverhältnissen, die sich niemals vernünftig auftrennen ließen. Wer’s versucht, stürzt unseren Kontinent ins Chaos. Fast überall leben Minderheiten unter dem Dach von anderssprachigen Mehrheiten. Das ist europäische Normalität, obschon sich bereits der Religionshistoriker David Friedrich Strauss darüber beschwert hat, dass die Großmächte auf dem Wiener Kongress «mit frivoler Missachtung der Volksthümlichheit die Grenzen der Länder bestimmt» hätten. Dies ist europäische Realität – und nicht das «völkisch» gleichgeschaltete Staatswesen.

Man sagt es nicht gern und nicht allzu laut: in mancher Hinsicht nahmen die Vielvölker-Staaten wie die K.u.K.-Monarchie, auch Föderationen wie das alte Reich, das Napoleon weggefegt hat, die Europäische Union voraus. Der ethnisch-sprachliche Einheitsstaat und der völkisch bestimmte Nationalstaat haben sich als tragische Verirrungen erwiesen. «Multikulti» ist Normalität. Das Lebensrecht von Minoritäten gehört zu den Grundrechten der Menschheit. Es gibt eine Europäische Charta zum Schutz der Minderheits-Sprachen, die freilich Frankreich bis heute nicht ratifizierte, weil dies eine Korrektur der Verfassung verlangt. Doch realiter hat sich die Fünfte Republik längst von der absurden Idee der sprachlichen Gleichschaltung gelöst, deren einstige Dimensionen der britische Historiker Theodore Zeldin erforscht hat: bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts bedienten sich nahezu die Hälfte der Bürger des Landes im Alltag nicht des Französischen.

Sprache als Reichtum
Am Ende des Jahrhunderts waren es kaum mehr ein Viertel. Der Planierung wurde erst in der Ära Mitterrand Einhalt geboten. Die Gebote der Charta werden de facto seit langem respektiert, weil unsere Nachbarn verstanden haben – eine Handvoll verbohrter Sprachnationalisten ausgenommen –, dass die vielen Idiome keine Gefahr, sondern kultureller Reichtum sind. Die Regierungen bemühen sich, im Gegenteil, das Bretonische und das Provenzalische, die vom Aussterben bedroht sind, in letzter Minute zu retten (vielleicht ist es zu spät); das Baskische, das Katalanische in den okzitanischen Regionen, das Italienische in Savoy, das Elsass-Deutsch scheinen sich behaupten zu können.

Der europäische Westen hat, wenn nicht vieles täuscht, die Sprachkonflikte gezähmt – bis auf Belgien, das rings um die Hauptstadt der Europäischen Union das Gezänk zwischen Flamen und Wallonen um die Dominanz des Französischen oder des Holländischen in diesem Städtchen oder jenem Landkreis nicht zu schlichten vermag, ein Streit, der vor allem von flämischen Nationalisten angeheizt wird, deren Sprachfamilie nach Jahrhunderten der relativen Armut dank der neuen Industrien die wirtschaftliche Oberhand gewonnen hat.

Milder Protest aus Brüssel
Osteuropa aber bietet noch immer (oder schon wieder) ernsteren Anlass zur Beunruhigung. Zwar dämpften die ungarischen Neo-Nationalisten, die sich berufen fühlen, das Unrecht des Friedensvertrages von Trianon nach fast einem Jahrhundert zu korrigieren, ihr Trommelgerassel – dank der Ordnungsrufe aus Brüssel. Sie nahmen freilich noch nichts zurück. Im Amtszimmer des Außenministers ist nach wie vor eine Landkarte zu sehen, die das gesamte Herrschaftsgebiet des Königreichs der Magyaren zeigt, das nach dem Ersten Weltkrieg auf knapp ein Drittel reduziert wurde. An die sechzig Prozent der Ungarn fanden sich als Bürger der Nachbarstaaten wieder: der Tschechoslowakei, Rumäniens und des neu konstruierten Jugoslawiens.

Die Grenzgebiete der Slowakei weisen auch heute eine ungarische Mehrheit auf. So die Nachbarregionen in Rumänien. Der einst progressiv-liberale Viktor Orban, der sich zum rechten Nationalisten gewandelt hat, wollte sämtlichen Ungarn, auch den Millionen außerhalb der Staatsgrenzen, das Wahlrecht einräumen: eine Missachtung aller Prin-zipien des Staats- und Völkerrechtes. Vor allem die Spannungen mit der Slowakei verschärften sich. Volkstumskämpfe nach dem fatalen Muster der zwanziger und dreißiger Jahre drohten – unter dem Dach der Europäischen Union: ein Skandal, gegen den Brüssel allzu mild protestierte.

Die Volkstums-Ideologie, die in Wahrheit eine Ballung von Ressentiments ist, würde Europa einmal mehr zugrunde richten. Der Vertrag von Lissabon, dessen Revision ansteht, müsste bei permanenten Verstößen gegen den Geist und die Gesetze der Union den Ausschluss eines Mitgliedstaates möglich machen, als ultima ratio.