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Europäische Geschenke

Der Journalist und Schriftsteller Klaus Harpprecht zum Zusammenleben mit einer islamischen Bevölkerung und zur Sicherung des Friedens der Gesellschaft. Harpprecht (geb. 1927, erster Amerika-Korrespondent des ZDF sowie Berater von Kanzler Willy Brandt) lebt seit 1982 in La Croix-Valmer im Var.
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Der Nachbar und Partner Frankreich verwöhnt die Deutschen derzeit nicht allzu oft mit hoffnungsfroher Post. Der Präsident, der vor den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Invasion auf dem Tiefpunkt seiner Popularität angekommen war (mit nur noch 16 Prozent der Bürger, die ihm vertrauten), nutzte die Einsicht, dass er nichts, fast nichts mehr zu verlieren hatte, um ein Reformprogramm von seltener Kühnheit vorzulegen: Er möchte die Zahl der Regionen, die 1982 zu Beginn der Regentschaft Mitterrands ins Leben traten, von 22 auf 14 reduzieren. Freilich würden diese ein neues Gewicht gegenüber der Zentralregierung gewinnen; zugleich sollen sie die Zuständigkeiten der 96 Departements Schritt um Schritt an sich ziehen. Jene Verwaltungsbezirke waren Produkte der Revolution, im Jahre 1790 etwas zu hastig entworfen, Kunstgebilde, die in die Welt gesetzt wurden, um jede Regung einer politischen Identität in den historischen Provinzen und damit den latenten Widerstand gegen Paris auszulöschen.

Furcht, Pfründen zu verlieren

Sie ganz von der Landkarte zu entfernen, wagte M. Hollande am Ende jedoch nicht, da sich ein wahrer Sturm der Entrüstung ankündigte, der sich wohl weniger aus der Anhänglichkeit der Bürger an die administrati-ven Gebilde oder die prächtige Uniform der Präfekten nährte (die Napoleon als Kontrollbeamte der Zentralregierung installiert hatte), sondern wohl eher aus der Furcht, bequeme Pfründen zu verlieren. Dies aber sollte das wesentliche Ziel der Territorialreform sein: das Heer der Staatsbediensteten zu verringern, das prozentual größer ist als in jedem anderen Mitgliedsland der Europäischen Union, ausgenommen Griechenland und Italien: eine der Hauptursachen der wirtschaftlichen Misere der Republik.

Mut der Verzweiflung?

Wenn Hollande lediglich die bescheidenere Version der Reform in die Wirklichkeit zu zwingen vermag, dann darf man ihm dennoch eine außerge-wöhnliche Leistung zuschreiben, denn an dieses elementare Werk der Veränderung (die es dringend braucht) wagte sich keiner seiner Vorgänger. Mut der Verzweiflung? Was am Ende zählt, ist der Wille, die Resistenz in der eigenen zerfaserten und zugleich rebellischen Partei zu brechen – oder eher, dem Temperament des Präsidenten ge-mäß, zu besänftigen. Immerhin, Regionalismus und Föderalismus sind keine schmutzigen Begriffe mehr, die jeder scharfe Sozialist einst scheute wie der Teufel das Weihwasser. Auch durfte sich François Hollande ungestraft «Sozialdemokrat» nennen, was vor drei oder vier Jahrzehnten in den Ohren und Augen der (vermeintlich) mar-xistischen Intellektuellen fast so schlimm wie das Wort «Faschist» klang. Kurzum: Es wurde von Neuem bestätigt, dass sich das Jakobinertum Schritt für Schritt aus dem französischen Denken zurückzieht, um die einst so blutig entmachteten Girodins mit ihren liberal-föderalistischen Ideen nach zweieinhalb Jahrhunderten zu (verspäteten) Siegern zu machen.

Konvention der Muslime

Dem Sozialdemokraten Hollande fiel – gleichsam als Geschenk – eine Erklärung des französischen Rates der islami-schen Glaubengemeinschaften zu, der für die innere Verfassung des Staates so wesentlich sein könnte wie die Territorialreform, mehr noch: ein essentielles Element zur Sicherung des Friedens der Gesellschaft. Die Mitglieder des Gremiums, das im Jahre 2003 gegründet wurde, be-schloss eine «Konvention der muslimischen Bürger Frank-reichs für das Zusammenleben» mit den Landeskindern anderer Religionen (oder den Menschen, die keinem verfassten Glauben anhängen).

Gegen religiöse Fanatiker

Die Weisen wiesen mit starken Worten «jede Form des Extremismus, des Rassismus, des Antisemitismus, jede subversive und radikale Aktion» zurück, «die das Bild des Islams beschädigen» könnte. Nach einem Bericht von Le Monde betonte der Rat «die Beunruhigung der französischen Muslime durch die Attraktivität radikaler Thesen für einen Teil der jungen Menschen». Sie wollten auf keinen Fall die Geiseln der schwarzen Schafe wie des Mörders von Toulouse sein (der sich 2012 eines fatalen Anschlags auf jüdische Schulkinder schuldig machte). Die politischen und ideologischen Umtriebe, die sich religiöser Fanatiker bedienten, könnten der Botschaft und dem Leben der Muslime in Frankreich nur Schaden zufügen. Die Muslime müssten alles tun, um die Jungen davon abzuhalten, primitiven Parolen und ihrer Anstachelung zur Gewalt zu verfallen.

Der Rat möchte diesen Monat ein großes Kolloquium «ohne Tabus» organisieren, in dem alle Fragen der muslimischen Erziehung diskutiert würden: auf der Basis jener Konvention, die von den Weisen in den vergangenen Monaten erarbeitet wurde. In den 19 Artikeln wird der «Platz der Frauen» in der islamischen Lehre definiert, es ist vom Schleier die Rede, von «bioethischen Fragen», von der Weigerung der Frauen, sich von Ärzten untersuchen zu lassen, von der Ausbildung der Imame, vom Respekt vor der Laizität des Staates (die ein Grundelement der Republik ist), von der Bedeutung des Wahlrechts.

Respekt des Schleierverbots

Wörtlich: «Der Islam widerspricht keinen Gesetzen der Republik.» Und weiter: «Die Muslime Frankreichs wollen sich zur Erneuerung des religiösen Denkens zusammenfinden» und sie möchten die Ausübung ihres Glaubens an die französische Gesellschaft anpassen. «Die Muslime respektieren die Entscheidungen der nationalen Gemeinschaft.» So auch, dies wird betont, das Verbot, in den Schulen den Schleier als eine Demonstration der Religionszugehörigkeit zu tragen.

Europäisierung des Islams?

Mit der Konvention soll das allzu lange Schweigen der Weisen über die Forderungen des friedlichen Zusammenlebens mit der Mehrheit der Gesellschaft endlich gebrochen werden. Der Text zeugt, wenn der erste Eindruck nicht trügt, vom Willen zu einem konstruktiven Zusammenleben der Minderheit mit der Mehrheit, vom Wunsch nach einer verträg-lichen Anpassung an die Gesell-schaft, ihre Gesetze, ihre Ge-wohnheiten, ihre Moralbegriffe. Er ist, wenn nicht vieles täuscht, eine Ouvertüre der Europä-isierung des Islam. (Die Not-wendigkeit der Anpassung hat, lange ist es her, auch das Christentum auf seine Weise erlebt. Es hat sich, wie die Religions-historiker nachweisen können, bis zu einem gewissen Grade hellenisiert, und es hat sich, ehe es das römische Reich christianisierte, auf eine zivilisatorisch segensreiche Weise latinisiert.)

Es wäre ein Segen, wenn dieses Dokument in den islamischen Glaubenszentren der Bundesrepublik Deutschland intensiv studiert und debattiert würde. Es sollte gleichermaßen von den christlichen, jüdischen, atheisti-schen Mitgliedern der Gesprächsgremien für die Koexistenz mit dem Islam geprüft und beherzigt werden.

Gegenseitige Befruchtung

Alles in allem: die Debatte, die vielleicht die Deutschen und ihre islamischen Mitbürger ein wenig zusammenrücken lassen wird, wäre eine wichtige Frucht des französisch-deutschen Austausches. Der schwierige Prozess der Dezentralisierung Frankreichs mag von den deutschen Erfahrungen mit dem Föderalismus profitieren.

Was das Zusammenleben mit einer islamischen Bevölkerung angeht, weiß Frankreich hingegen dank seiner Geschichte – der dunklen und der positiv-hellen – entschieden mehr als die Deutschen.