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Der Papagei und die Streithähne

Vorab muss ich Ihnen eines erklären: Wir haben einen Papagei. Er heißt Erwin, hat nur noch ein Bein, aber er kann das Klavierkonzert Nummer eins von Tschaikowsky pfeifen. Seine Stimme gleicht der meinen, er kann herrlich fluchen und sogar zwei französische Wörter sprechen: ça und va.
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Es war an einem lauen Sommertag. Erwin und ich saßen im Garten, als sich laute Stimmen näherten. Da hatten sich zwei unüberhörbar ganz schön in der Wolle. Schon kamen sie am Gartentor vorbei, ein älteres Pärchen in Wanderkluft, einander lautstark beschimpfend.

Und prompt lief Erwin zu Hochform auf. „Ça va-ha?“ flötete er mit vor Süffisanz triefender Stimme.

„Non“ Brüllte der Mann, „Ça va pas! Und Sie halten sich gefälligst da raus!“

Erwin war nicht mehr zu bremsen. „Ça-va-ça-va-ça-va-ça-va! “ kreischte er, und dann krönte er das Ganze noch mit einem unanständigen Pfiff.

«Frechheit! “ schrie die Frau, und ich rief verzweifelt „Aber ich war’s nicht, der ...»

Ich wurde mit Beschimpfungen übertönt. „Gaga“ und „Gefahr für die Menschheit“ war noch das Freundlichste.

Endlich waren die Streithähne außer Hörweite, und offensichtlich hatten sie sich, angesichts des neuen Feindbildes, auch wieder vertragen.

Erwin sah mich liebevoll an, legte den Kopf schief und zwitscherte honigsüß: „Ça va, Blödi?“

Hannelore Salinger