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Der typische Deutsche?

Mein Erstgeborener musste in seiner Schule in Nîmes einen Vortrag über Deutschland halten. Von mir wollte er dazu wissen, was die Deutschen von den Franzosen halten. Was meint er? Meine persönliche Meinung? Einzelheiten zu meinem Lieblingsthema französischer Merkwürdigkeiten? Ausführungen zum historischen «Erbfeind» seines Urgroßvaters? Zum Frankreich als Kulturnation seines Großvaters väterlicherseits? Dass wir den französischen Käse so schätzen? Den Wein? Foie gras? Das Mittelmeer? Frankreich als Urlaubsziel? Was wir von ihren Präsidenten und deren Affären halten? Von ihren Frauen, ihrer Sprache?

Der Deutsche. Gibt es ja nicht, den Deutschen. So wenig, wie es den Franzosen gibt. Vielleicht, mit Einschränkungen, lässt sich ein Durchschnitts-Deutscher konstruieren. Ein rein statistisches Individuum. Der daraus resultierende Durchschnitts-Deutsche war mal in Paris, vielleicht auch an der Côte d’Azur. Bei Paris denkt er an den Eiffelturm, Versailles und den Louvre. Die Schlangen vor den Kassen. Den Kaffee für acht Euro am Hafen eines ehemaligen Fischerdorfs. Und Hundescheiße auf den Gehwegen. An die Franzosen selbst denkt er vermutlich nicht. Wenn es der Durchschnitts-Deutsche aufs Gymnasium geschafft und ein paar Jahre Französisch gelernt hat, kann er sich an einen Aufenthalt als Austauschschüler erinnern. An das Chaos im Alltag seines eventuellen Austauschs. Den Stau überall, das Verzögerte, immer funktioniert irgendetwas nicht. Oder ist zumindest anders als zu Hause. Nous sommes en France. Er denkt gern an seinen Kuss mit einer Schülerin in der Austausch-Klasse. Erinnert sich an exzessives Essen, mindestens drei Gänge, spät abends. An Schnecken, Froschschenkel, tausend Sorten Käse, Baguette. Wahrscheinlich denkt der Deutsche vor allem ans Essen in Frankreich. Wenn er vom "Leben wie Gott in Frankreich" redet, bezieht er sich meist aufs Schlemmen.

Zehn Tage in Le Lavandou sind allerdings teurer als drei Wochen in Antalya. Saint-Tropez unbezahlbar. Acht Euro der Kaffee. Und sowas von unfreundlich die Bedienung. Der Rest ist egal. Und das trotz aller bilateraler staatlichen Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft. arte bleibt mehr oder weniger eine Insider-Einrichtung.
Über google habe ich zu diesem Thema allerlei vergleichende Statistik gefunden: In Frankreich mehr Arbeitslosigkeit, mehr Kinder pro Frau, mehr Hunde pro Einwohner, mehr Restaurant-Besuche. Weniger Ausgaben für das Auto, mehr Eigenheime. Weniger staatliche Investition in Ausbildung und Forschung. So Sachen. Dabei durchweg signifikante Unterschiede. Das war aber nicht die Frage meines Sohns.

Viel später stieß ich auf die Resultate einer Studie, die von der deutschen Botschaft in Paris in Auftrag gegeben worden war. Die wollten es ganz genau wissen. Das Institut français d’opinion publique – IFOP – veröffentlichte 2013 die Studie «Regards croise´s sur les relations franco-allemandes a` l’occasion du 50e`me anniversaire du Traite´ de l’Elysée».

Im Prinzip lag ich richtig mit meiner Einschätzung. Der Durchschnitts-Deutsche (im befragten Kollektiv von gut 1300 Personen) assoziiert zum Begriff Frankreich als erstes Paris und Eiffelturm. Dann Wein, Baguette, Essen im Allgemeinen. Der Franzose selbst kommt nicht vor. Der Vollständigkeit halber seien die wesentlichen Assoziationen des Franzosen zum Begriff Allemagne erwähnt: Angela Merkel, Bier, Berlin, Autos. In dieser Reihenfolge. Dann, anders als die befragten Deutschen, sahen die befragten Franzosen auch den Deutschen. Als streng und unflexibel. Aber immerhin sehen die Franzosen auch den Menschen.

Letztendlich trifft die Fragestellung der Studie auch nicht den Ansatz meines Sohnes: Was denkt der Deutsche über den Franzosen? Der Deutsche, der Durchschnitts-Deutsche, weiß, glaube ich, über die Franzosen nicht mehr als über die Griechen und die Polen. Die Griechen arbeiten nicht und zahlen keine Steuern, die Polen klauen Autos. Und die Franzosen? Essen ausgiebig und sammeln die Scheiße ihrer Hunde nicht ein.

Bertram Diehl

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